evolutionär obenauf 8.6.2015, 8:30

„es ist einfach geil, dass wir heute das ding in der hose haben!“ so, noch völlig im taumel, bricht es aus dem siegreichen barcelona-tormann, der, im gegensatz zu seinem der turiner jugend angehörigen kollegialen kontrahenten, nur einmal hinter sich greifen musste und ansonsten das ganze spiel vor seinen beinen hatte, sich von zeit zu zeit wohlig kratzen konnte, die dinge richten, eben platz machen, für das, kollektive, ding an sich, das so geil ist, es schlussendlich in der hose zu haben. 
den anderen indes, ihnen bleibet nur, auf dem rasen auszuspucken, vergeblich. 



Schule des Staunens 13.1 26.5.2015, 12:00

Sonntag, 7. Juni 2015, 18.00
Wiener Konzerthaus (A)
, Schubert-Saal
Schule des Staunens – Vorspiel
mütterkinderlieder (nachmahler)

http://www.muetter.at/cms/uploads/pics/rk3009_mkl_vs.jpg

In den mütterkinderliedern nähert sich Bertl Mütter dem Klangkosmos Gustav Mahlers: Die nah am Vorbild musizierten Kindertotenlieder konterkariert er dabei improvisatorisch mit mahlerschem Material, vor allem aus den (scheinbar) heiteren Wunderhornliedern. Dichte Musik, Mahlerharz, bis ins Schweigen.

http://www.muetter.at/cms/typo3temp/pics/ea4fbda24f.jpg

„die bühne bestand aus einem zweiertisch in einem sehr kleinen griechischen restaurant neben dem cafà© museum am wiener karlsplatz, die aufführung fand 1994 statt. ich hatte bertl mütter kennenlernen wollen, einen der spannendsten musiker und performer der stadt, und noch beim ersten retsina entdeckten wir, dass wir beide die musik von gustav mahler liebten. wir bestritten das gespräch, indem wir uns unsere lieblingsstellen vorsangen, und mit einem mal hatte bertl den halben ersten satz der fünften im alleingang gesungen: hauptstimmen, nebenstimmen, holz, streicher, blech, alles wurde lebendig in meinen ohren, ein vollständiger orchesterklang in der kehle dieses lausbuben aus steyr.

(…)

die „mütterkinderlieder“ sind ausdruck einer großen liebe zur musik mahlers. und schon vor sechzehn jahren war mir beim griechen deutlich geworden, dass mütter nicht teilen will, dass er seine liebe ganz für sich allein haben will. so sind wir liebende. deshalb spielt er den zyklus allein. deshalb ersinnt er intermezzi, in denen er den ganzen mahler in den arm nimmt.“

christoph becher, 2010

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Das Konzert, dem ich meine mütterkinderlieder zur vertiefenden Vorbereitung voranstelle, beginnt um 19.30 im Großen Saal.

Interpreten

Orchestre Philharmonique du Luxembourg, Orchester
Matthias Goerne, Bariton
Emmanuel Krivine, Dirigent

Programm
Anton Webern
Passacaglia d-moll op. 1 für Orchester (1908)
Gustav Mahler
Kindertotenlieder für eine Singstimme und Orchester (1901-1904)
***
Richard Strauss
Also sprach Zarathustra. Tondichtung frei nach Friedrich Nietzsche op. 30 (1896)



Schule des Staunens 12.2 24.5.2015, 12:00

Die am  21. Mai 2015 vom RSO unter Cornelius Meister aufgeführte 9. Mahler war nicht nur für mich eines der aufwühlendesten je erlebten Konzertereignisse. Kathartisch nachgerade. Namentlich im ersten und vierten Satz war es nahezu unerträglich zu erleben, wie die Bindungsenergie zwischen den Molekülen nicht mehr recht zu halten schien. Diese Welt von gestern, sie musste zusammenkrachen, und Mahler hat es, nunja, gewusst.



abschreckeffekt (unbewiesen) 18.5.2015, 22:51

wiener ampelpärchen bleiben hängen
orfon

was für eine subtile spielweise der ansonsten doch recht dumpf sich gebärdenden landläufigen homophobie!



Schule des Staunens 12.1 14.5.2015, 12:00

Donnerstag, 21. Mai 2015, ca. 20.00
Wiener Konzerthaus (A)
, Schubert-Saal
Schule des Staunens – Pausenintervention
Auflösung – Ablösung
Übers Hinauskommen

Gäste: Sascha Hois & Leonhard Paul, Posaune

104 Jahre und drei Tage nach Mahlers Tod, und Sterben bedeutet zuallererst nichts mitnehmen können (wohin auch? womit denn?), erforschen wir zwei letztlich komplementäre Strategien der Auflösung: Einstimmiges und komplexe Verwebungen von Klanglinien.

https://www.kug.ac.at/typo3temp/pics/21e21872f0.jpg
Es ist mir eine besondere Freude, zwei von mir verehrte Meister ihres (ich darf sagen: unseres) Instruments als Gäste begrüßen zu dürfen: Sascha Hois, den phänomenalen Soloposaunisten des RSO und meinen, hmm, alten Kumpel Leonhard Paul, der wesentlich mehr noch ist als der Weiße Clown bei Mnozil Brass.

http://www.mnozilbrass.at/wp-content/gallery/schagerl-brass-festival_14/bf2014-mittwoch-09072014-0163_b_web_r.jpg

Wir werden aber weder phänomenal noch clownmäßig agieren, sondern schlicht einen Versuch übers An-der-Welt-Zerbröseln und Wieder-Zusammenkommen (verändert, wie das nun einmal ist, wenn es einen zerbröselt hat) unternehmen. Ein ölig verzogener, quasi gregorianischer Choral (nach Jimmy Giuffres cry, want) und eine kristalline Stelle im ersten Satz der Neunten, misterioso (wo alles auseinanderzufallen droht) sind die Pole unseres Stücks.

Spätestens seit 1908/09 wissen wir ja: die Schwerkraft ist längst nicht mehr das, was sie einmal war. Und die Posaune, selbst im Trio gespielt, sie ist ein leises Instrument, voller Ahnungen. Bis dorthin, wo nichts mehr weht.

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Worum es also im Konzert geht (meine Behauptung: siehe Überschrift), das ab 19.30 im Großen Saal stattfindet, darüber werden wir voraushörend unsere Instrumente befragen.

Interpreten

ORF Radio-Symphonie-Orchester Wien
Hilary Hahn, Violine
Cornelius Meister, Dirigent

Werke
Max Bruch
: Fantasie unter freier Benützung schottischer Volksmelodien Es-Dur op. 46 für Violine
 und Orchester „Schottische Fantasie“ (1880)
***
Gustav Mahler
: Symphonie Nr. 9 (1908-1909)



before – after 12.5.2015, 13:00

nacktfotos: schuldirektor steht hinter lehrer
orfon (vormittags)

nacktfotos: schuldirektor steht zu lehrer
orfon (nachmittags)

danke, wir haben verstanden, und es ist ja auch bitte recht so. wie der direktor nun allerdings zum/hinterm lehrer steht, das täte uns aber schon auch interessieren. weil österreich ist bekannt dafür, dass die leute, gerade solche in leitenden funktionen, was anderes sagen als sie dann tatsächlich tun. oftmals sogar das gegenteil.



wie denn bitte auch sonst? 10.5.2015, 21:01

ein unbekannter hat in der nacht auf heute ein schnitzellokal in klagenfurt überfallen. als waffe verwendete der täter vermutlich einen elektroschocker. die sofort eingeleitete alarmfahndung verlief negativ. der überfallene filialleiter ist schockiert.
orfon

der zweifellos bemitleidenswerte klagenfurter schnitzellokalfilialleiter hat, da hat ihm niemand etwas vorzuwerfen, zu hundert prozent adäquat reagiert. durchunddurch authentisch nachgerade.
die post ihrerseits, so dürfen wir zur gleichen zeit erfahren, schützt ihre briefe austragenden mitarbeiter mit hundekeks.



Schule des Staunens 11.1 8.5.2015, 12:00

Mittwoch, 20. Mai 2015, 21.30
Wiener Konzerthaus (A)
, Buffet Mozart-Saal
Schule des Staunens – Nachspiel
stimmhaft
Zur Abbildung der menschlichen Stimme im Instrumentalklang

„Kein Instrument gleicht derart der menschlichen Stimme wie (…).“ – Bläser wähnen sich bei einer solchen Ergänzungsaufgabe gerne im Vorteil. Aber Imitation, das ist doch etwas fürs Varietà©, künstlerisch jedoch meist ein Missverständnis. Wie aber lässt sich das in der Stimme sich äußernde Wesen eines Menschen im Klang abbilden; wer weiß, Seele gar?

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/50/Gray956.png

Blasmusik, wie sie hierzulande als künstlerischer Breitensport mit ästhetisch zumeist recht beschränktem Horizont geübt wird, sie braucht Windkraft! Dass diese Windkraft, die prononciert zur Hervorbringung Neuer Musik eingesetzt wird, sich eine Kapelle nennt, stimmt mich optimistisch und vorfreudig auf vielfältig sinnliche Hörgenüsse.

Die frisch erlebten Klänge werden wohl unvermeidlich spontanen Eingang finden müssen in meine Anstellungen.

Jetzt – bin ich gespannt! (Ernst Jandl)
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Das Konzert, das mir ausreichender Vorwand für meinen Vortrag samt Posaune ist, ereignet sich um 19.30 im Mozart-Saal.

https://konzerthaus.at/CustomResources/image/VAs/f2332385-e5a9-40b2-b4e1-6cf7b31b03a5.jpg?w=553

Interpreten
Windkraft – Kapelle für Neue Musik
Marcus Weiss, Saxophon
Manuel de Roo, E-Gitarre
Kasper de Roo, Dirigent

Werke
Edgard Varà¨se: Intà©grales (1924-25)
Georg Friedrich Haas:
… über den Atem, die Stille und die Zerbrechlichkeit …. Versuch (1994)
Arturo Fuentes: In der Luft (2014)
***
Johannes Maria Staud:
Violent Incidents (Hommage à  Bruce Nauman) (2005-2006)
Iannis Xenakis: Akrata (1964-1965)
Giacinto Scelsi: I presagi (1958)



Schule des Staunens 10.4 28.4.2015, 12:00

Warum kann es kein Bruckner gewidmetes Konfekt von überregionaler Bedeutung geben? Wir müssen jetzt konfektmäßig natürlich fair bleiben: auch Schubert wird von den Großzuckerbäckern bis heute ignoriert (selbst vom Demel!); streng genommen hat es letztlich nur Mozart geschafft. Die „Bach Würfel“ sind eine kühl kalkulierte Erfindung des Jahres 1985, von derselben Salzburger Konditorei Fürst, von der auch die „Original Salzburger Mozartkugel“ stammt; dass deren großer Konkurrent aus Bad Reichenhall, die Paul Reber GmbH & Co KG, sich jüngst erst durch eine nichts weniger als unwürdig zu bezeichnende geschmäcklerische Gender-Anbiederei, die „Constanze Mozart-Kugel“ (etwas süßer umhüllt als die klassische Mozart-Kugel*) selbst disqualifiziert hat, sei hier nur nebenbei erwähnt. Zurück. Weder Schubert, Beethoven, Mendelssohn, Schumann, Mahler oder Wagner gar, haben es geschafft ins Schokoladenland. Und das „Webern-Zigarrl“ aus Mittersill kann wohl nur als zynische Entgleisung eines örtlichen Zuckerbäckers (er wirbt ansonsten mit „Tauerngipfeln“) bezeichnet werden. Seien wir also froh, dass es kein Brucknerkonfekt gibt, denn was könnte das auch sein? Eine Marzipan-Kartoffel, die auf seinen oftmals recht kahl dargestellten Schädel rekurriert? Man könnte sie, und das wäre doch stimmig, plastilinanalog je nach Bedarf verformen. Wie sich ja auch Bruckner immer wieder verbogen hat, gemeint hat, sich verbiegen zu müssen. Angeblich.

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* Ist das nicht ein Bärinnendienst für ein so wichtiges gesellschaftpolitisches Anliegen!?

Genug jetzt hier davon. Wenn Sie den kompletten Vortrag lesen wollen, können Sie ihn hier herunterladen.  http://muetter.at/cms/fileadmin/user_upload/pix72dpi/download_pdf_button.jpg



Schule des Staunens 10.3 26.4.2015, 12:00

Warum man wohl die Nägel der großen Zehe (der Daumenzehe) soviel seltener schneiden muss, als jene der anderen (vier Stück, pro Fuß, gemeinhin*)? Ob es sich hier um ein ähnliches Täuschungsphänomen handelt wie die so beliebte übergroße Wahrnehmung des Vollmonds beim Aufgehen, knapp am Horizont, davor sich abzeichnend eine großstädtische Silhouette, und allen gehen die Mäuler auf vor Staunen: ein Supermoon! Steht so ein Himmelsereignis bevor, wird man von den heute gängigen Informationsmedien ausreichend vorenthusiasmiert, als gäbe es nichts wichtigeres zu berichten, und das wird wohl auch wahr so sein. Oder täuscht man sich – und uns? Gegen derartige Ablenkungen empfehle ich, an einem solchen Abend Bruckner zu hören.

Bruckners Schädel indes (war er in Steyr, so wurde er von Sepp Stöger, dem dichtenden Friseur, gewartet) war eine Mondkartoffel, wie sie ein zwei Tage vor oder nach der Fülle erscheint. Mond, täuschendes Licht.

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* Dass Marilyn Monroe polydaktil gewesen sei, ist ein bis heute sich haltendes hartnäckiges Gerücht, aber nicht mehr.



Schule des Staunens 10.2 24.4.2015, 12:00

Bruckners Biographie steht im Banne der Anekdotalität, man könnte sogar von einem Anekdotalitarismus sprechen. Nämlich: es reiht sich Klischee an Klischee. Angebliche Charaktereigenschaften werden uns da überliefert: der Tölpel, der Bauernbleampl, der unterwürfige Kerzerlschlucker, immer zumindest eine Nummer zu groß angezogen, schlampert noch dazu. Die Zeitgenossen, sie haben ihn allesamt verkannt und wahrlich Wagner nur war sein Genie bewusst.

Das ist bitte alles falsch! … Wie aber jede falsche Überlieferung kristallisiert sie entlang eines wahren Kerns. Ab dort jedoch wuchert es aus. … In der Tat hatte Bruckner größte Mühe, sein musikalisches Werk vor fremder Einflussnahme zu behüten, zu verteidigen. Er ging dabei keinesfalls immer geschickt vor und musste in Kauf nehmen, dass diejenigen, die von der Größe seiner Kunst nichts begriffen hatten, in seinen privaten Angewohnheiten wühlten. So ist das, bis heute. Gut zwei Drittel der doch recht umfangreichen Bruckner-Bibliographie handeln unnötigerweise von den Merkwürdigkeiten, insbesondere dem äußeren Erscheinungsbild und Gehabe eines angeblich kindlichen Mannes. Bruckners Charakter wird uns also hauptsächlich über mehr oder weniger verbürgte Anekdoten überliefert, weniger bis kaum in persönlichen Zeugnissen. Es gibt auch kein von ihm formuliertes musikästhetisches Programm, und seine Allgemeinbildung muss denn auch als recht marginal angesehen werden. So einer kann kein satisfaktionsfähiger Gesprächspartner für Meister Wagner sein! Einzig seine – vorbildlich edierten – Briefe sind neben den Partituren (die er, nicht blöd, in ihrer Originalgestalt der heutigen Nationalbibliothek vermacht hat) beredtes Quellmaterial; die Briefe bieten vor allem auch aufgrund gewisser darin unleugbar zutage tretender Schrulligkeiten recht vergnüglich (aber bitte nicht schadenfroh!) zu lesende Informationen über Bruckner, den Menschen, Bruckner den Typen, Bruckner, den (Eigenzitat:) Kampl.

Fritz von Uhdes (1848–1911) Gemälde „Das Abendmahl Christi“ aus dem Jahr 1886 zeigt ganz links am Kopfende der Tafel Anton Bruckner, als Jünger mit Blickkontakt zu Jesus. Bruckner, der, so Uhde, Hauptapostel. … Ob er sich wohl getraut hätte, Ihn um glaubensvollzugsbezügliche Erleichterungen zu bitten? Weil, war sein spontaner Ausruf, als er von der ihm zugedachten Rolle im Gemälde erfuhr, auch: „Jå, bin i denn a Jud‘?“, so hat er doch, sich einkriegend wohl, in herausbrechender Frömmigkeit auf seine zweifellose Unwürdigkeit hingewiesen, in so einer ehrenden Rolle abgebildet zu werden, und so gehört sich das ja bitteschön auch. (Mehr zur Nichtswürdigkeit als Lebenshaltung weiter unten.)

Zur Physiognomie Bruckners gibt es, ausgehend von den traditionsstiftenden Nekrologen im Oktober 1896, zwei parallel laufende Linien, die ihm einerseits Imperatorenprofil, andererseits einen Bauernschädel bescheinigen. Die Neue Freie Presse wusste gar, dass es an Kaiser Claudius gemahnte, diesem Kampl.



Schule des Staunens 10.1.2 22.4.2015, 12:00

Zählen (22.4.)

Heute, am 22. April, ist, da es sich um kein Schaltjahr handelt, der 112. Tag des Jahres. 2-2-4 – 1-1-2 — ist das nicht schön? Immanuel Kant wäre 301, Lenin 145, Vladimir Vladimirowitsch Nabokov 116, Kathleen Ferrier 103, Yehudi Menuhin 99 und Charles Mingus – God must be a Boogie Man – rüstige 93. Weiters gratulieren wir Jack Nicholson zum 78er und Fußballzauberer Kakà¡ zum 33er*. Der 21. April vermerkt keinen für meine Zwecke nennenswerten Todestag. Zwei Jahrestage: Exakt 102 Jahre weniger einem Tag vor Einführung des deutschen Kampfhundeeinführungsverbotes wurde in Karlsruhe der Verein für Deutsche Schäferhunde gegründet, von Menschen. Und die Evangelisch-Lutherische Kirche in Amerika begeht den Tag der Schöpfung – es scheint sich um einen Jahrestag zu handeln; meine zugegeben nicht sehr erschöpfenden Recherchen konnten mir keine näheren Informationen liefern, ob es sich um ein rundes Jubiläum handelt, auch nicht, was wir uns darunter vorzustellen hätten.

Dreinreden (22.4.)

Was für einen Unfrieden das Dreinreden doch da und dort stiften kann: Jack Nicholsons Dämonie kann so in keinem Drehbuch stehen. Man hat nicht vermocht, ihn einzubremsen. Und wenn es doch geschieht (überm Kuckucksnest), zu wem wohl helfen wir!? … Kakà¡ ist uns bekannt als Fußballzauberer. Da halten sich ebensolche Lehrlinge besser fern. … Kathleen Ferriers (oder auch Julius Patzaks) eigenwilliger Klang, wäre er geglättet (homogenisiert) worden, wer erinnerte sich heute noch an sie? … Wie läsen sich Nabokovs Bücher, müssten sie ohne diesen süffisant geschliffenen Spott auskommen? … Und wie hörten sich gewisse Aufnahmen des Charles Mingus Workshop an, hätte er nicht bei gewissen Gelegenheiten, zur Intensivierung des Ausdrucks, einen geladenen Revolver dabei gehabt: Seine Leute spielten buchstäblich um ihr Leben! Und es ist ja eh nichts passiert. (…)

______________________________
* Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass die Summe der beiden Schallplattenumdrehungsgeschwindigkeiten (33 bzw. 45) die Grammophondrehzahl 78 ergibt? Das kann doch bitte kein Zufall sein!



Schule des Staunens 10.1.1 21.4.2015, 12:00

Zählen (21.4.)

Heute, am 21. April, begehen wir, da es sich um kein Schaltjahr handelt, den exakt 111. Tag des Jahres. Anthony Quinn wäre Hundert. Geboren wurde er in Chihuahua, jener Stadt, die auch der kleinsten Hunderasse ihren Namen gegeben hat; vor allem im 18. Jahrhundert wurden diese possierlichen, oftmals aber recht affektierten Tierchen von ihren Damen zur privaten erotischen Belustigung eingesetzt, weshalb sie nicht umsonst recht treffend Schoßhündchen genannt werden. Anthony Quinn seinerseits spielt in seinen Filmen vielfach (manchmal auch sympathisch) scheiternde. Josef Meinrad, ein großer bescheidener, wäre bereits 102. Seit 873 Jahren tot ist Petrus Abaelardus, und in zwei Jahren sind es auch schon wieder 900 Jahre, dass man ihn, im Spätsommer seines Lebens, entmannt hat, ein Attentat im August war’s. Mark Twain ist 105 und Willi Boskovsky, der Jahreseröffnungsstehgeiger meiner Kindheit, auch schon wieder 24 Jahre tot; Nina Simone verstarb vor einem Dutzend Jahren. Festlich stimmt uns, dass auf den Tag genau heute vor 2.768 Jahren Rom auf sieben Hügeln gegründet wurde, während es exakt 2.600 Jahre später, am 21. April 1847, in Berlin zur Kartoffelrevolution gekommen ist, die man sich ersparen hätte können, hätte man das neophytische Nachtschattengewächs nicht aus Südamerika über die Kanarischen Inseln bis nach Europa gebracht. 1847 dann sind die Kartoffelpreise gleich einmal sprunghaft angestiegen, was den Leuten in Berlin nicht recht war. 1847, diese Zahl wollen wir uns merken. Nebenbei: 1847 ist, als Primzahl, eine Zahl für Singles. Bruckner muss sich, als einer, der nur wenig von seinem Leben mit anderen teilen durfte (wollte er je überhaupt?), oftmals wie eine Primzahl vorgekommen sein; 1847 war er, so ein Zufall, primzahlige 23 Jahre alt. … Um den historischen Exkurs abzuschließen: Im Jahr 2001 wurde, am Vorabend des 102. Jahrestags der Gründung des Vereins für Deutsche Schäferhunde (in Karlsruhe war das), das Kampfhundeeinführverbot eingeführt. Aber wer bitte würde denn sowas sich oder gar jemand anderem antun? Ich finde, Schoßhündchen wie etwa Chihuahuas reichen da völlig zufriedenstellend.

[Bruckner, der arme Teufel, hatte bis ins hohe Alter eine derartige Angst vor Pollutionen, (ungewollte) Selbstbefleckungen, dass er sich nicht anders zu helfen wusste, als eine spezielle Sanitärunterwäsche (Gummiunterhosen) zu tragen.]

[Als wärs die Vorsehung selbst, erreicht uns am 22. April 2015 diese Meldung: „Promisternchen Paris Hilton (34) trauert um ihr Schoßhündchen Tinkerbell. ‹Mein Herz ist gebrochen. Ich bin so traurig und am Boden zerstört›. (…) Sie habe 14 tolle Jahre mit dem Hund verbracht, der an Altersschwäche verendet sei.“ … just am hundertsten Geburtsfest des Chihuahuagebornen. Das kann kein Zufall sein! – Quelle: orf.at]

Dreinreden (21.4.)

Was für einen Unfrieden das Dreinreden doch da und dort stiften kann: Hat nicht Romulus recht gehabt, sich vom gleichfalls wolfsmilchgesäugten Mauerspringer Remus nicht verhöhen zu lassen? … Hätte doch Heloises Onkel Fulbert dem Abaelard seine Freundin gelassen und sich besser selber kastriert! … Und wieviel schöne Sirtaki-Poesie liegt nicht in der ingeniösen Ingenieursbeharrlichkeit eines Alexis Zorbas, sodass ihm seine Materialseilbahn bei der – ähh – Jungfernfahrt derart grandios zusammenkrachen kann, dass wir uns, mit ihm und ermuntert von ihm, aus tiefstem Herzen freuen dürfen!?



strampelnde stampede, strampelende 20.4.2015, 14:11

die beamten mussten einem der tobenden sogar eine fußfessel anlegen. (…) anschließend gab es eine anzeige auf freiem fuß.
kurier.at

strampelnden beinen kommen angelegte fußfessel nicht ungelegen, und es ist tobende. umgekehrt haben freie organe freie füße zu haben, um gefesselte tobende auf freiem fuß anzeigen zu können.
womit wir auch das aufgezeigt hätten.



Schule des Staunens 10.1 13.4.2015, 12:00

Mittwoch, 21. April 2015, 18.30
Donnerstag, 22. April 2015, 18.30

Wiener Konzerthaus (A)
, Berio-Saal
Schule des Staunens
dreinreden
Über künstlerische Autonomie. Und Konfekt.

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a4/Anton_bruckner.jpg

Warum gibt es kein Bruckner gewidmetes Konfekt? Was könnte so etwas sein? Eine Marzipan-Kartoffel, die auf seinen oftmals recht kahl dargestellten Schädel rekurriert? Man könnte sie, das wäre doch irgendwie stimmig, plastilinanalog je nach Bedarf verformen. Wie ja auch Bruckner gemeint hat, sich verbiegen zu müssen. – Gehen wir Heutigen ihmgemäß um mit Bruckners erratisch-monolithischer Genialität? Was meinen wir eigentlich besser zu wissen – und woher denn, bitte?

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Die beiden Konzerte (Dienstag/Mittwoch), auf die ich mich (derart und ganz anders) mit meiner Posaune samt Stimme erzählend implizit/explizit beziehen werde, beginnen jeweils um 19.30 im Großen Saal.

Interpreten
Wiener Symphoniker, Orchester
Christian Tetzlaff, Violine
Robin Ticciati, Dirigent

Werke
Robert Schumann: Konzert für Violine und Orchester d-moll, WoO 1 (1853)
***

Anton Bruckner: Symphonie Nr. 4 Es-Dur WAB 104 „Romantische“ (1878-80)




palin- 8.4.2015, 9:29

besitzer bekommt eulen aus „harry potter“-filmen zurück
orfon

geben sie dem herrn also seine nachtaktiven vögel zurück, herzlichen glückwunsch auch. jetzt: wie beschlagnahmt man uhus? (wie man sie zurückgibt ist ja wohl klar: umgekehrt.)



Schule des Staunens 9.2 7.4.2015, 12:00

Nicht ein einziges Paar Dias aus Ostpolen wurde gezeigt. Jedoch: Mit den Ortsnamen wurde Schabernack getrieben, sei es im lepschigen (lepschischen?) Ortsnamenlied („Maid aus Wulkaprodersdorf“) oder in meiner Gelegenheitskomposition „verborte. geographisch-erotische sonate“, deren in diesem speziellen Zusammenhang entscheidende Teile wir in einer Spontaneinstudierung zur Aufführung brachten; beeindruckend die Blattlesekapacità¦t der drei sehr geschätzten Herrn.

Danke auch der Dame am Balkon für ihre beherzte Mitwirkung.



Schule des Staunens 9.1 20.3.2015, 12:00

Freitag, 27. März 2015, 19.30
Wiener Konzerthaus (A)
, Mozart-Saal (Konzertintervention)
Schule des Staunens zu Gast beim Trio Lepschi!
Buenos Dias
(bass erstaunt, mehr oder weniger)

Weise, wahrlich weise, das sind sie, die Herren vom Trio Lepschi, und dieses Trio ist in der Tat mehr als die Summe seiner Teile, noch dazu heute, im Mozartssal, da nämlich befinden sie sich, einer Vorhersage auf ihrer offiziellen Internetrepräsentanz gemäß, auf nichts weniger als „am kulturellen Zenit.“ Indem ich da mitmache, vollziehen wir, ergodessen, die Quadratur des – ääh – Trios.
Ob sich ein vorbeifliegendes Hineinplumpsen oder ein hineinplumpsendes Vorbeifliegen ereignen wird, wird sich weisen.

______________________________

Das Konzert, in das ich mich also, mit Posaune und Stimme, mehr oder weniger störend, zu integrieren zu trachten vorzugeben gedenke, beginnt, wie verkündet, um 19.30 im Mozart-Saal.

Interpreten
Trio Lepschi, Trio
Stefan Slupetzky, Gesang, Säge
Martin Zrost, Gesang, Gitarre, Klarinetten
Tomas Slupetzky, Gesang, Gitarre

Vielleicht werden auch ein paar Dias aus Ostpolen gezeigt. Als gesichert gilt: Am Schluss ist auch für Staunende Staunende. Aber nein, das Staunen geht weiter, endlos.



… oder halbleer 16.3.2015, 9:26

nach einschätzung von experten gebe es hoffnung, dass die schäden geringer seien als befürchtet.
orfon

nach einschätzung von experten gebe es befürchtungen, dass die schäden größer seien als erhofft.
nofro

das leben, mit all seinen beschädigungen, es ist ein ständiges dazwischen. hoffen wir also das schlimmste und befürchten wir nur das allerbeste!



Schule des Staunens 8.6 15.3.2015, 12:00

(Zur musikalischen Gestaltung dieser Schule des Staunens)

einmotorisch (quasi neunzylindrisch) nenne ich mein klangliches Leitmotiv, gespielt auf der Basstrompete. Es rekurriert auf die Aufnahme der Baden-Badener Erstfassung (Berliner Funkchor und -orchester, Dirigent: Hermann Scherchen, 18.3.1930). Bei „Der Flieger spricht mit seinem Motor“ unterlegt dabei ein tremolierendes Ostinato (Kontrafagott? Sarrusophon?) das eigentlich komponierte rezitativische Singen, und es soll wohl den Motor imaginieren. Da nun der Motor von Lindberghs Flugzeug, dem (Brecht übersetzt konsequent) Geist von Saint Louis, ein 9-Zylinder-Sternmotor (Wright J-5C Whirlwind, 223 PS) war, lag mir diese (konsequent künstlerisch billige) Assoziation nahe. Und da es so ist, dass meine Basstrompete (wir haben sie das Wunderhorn genannt) über drei Ventile verfügt, stelle ich alles daran, diese Drei mit virtuosestem Spiel zu potenzieren.

Da ich, analog zum berühmten Flieger, an der Entwicklung meines Instruments persönlich beteiligt war, schwinge ich mich auf und behaupte vollmundig: ICH BIN LINDBERGH!*

Den Ausklang bildet mein Stück sich finden, es handelt von zwei Tönen. Man stelle sich den Punkt am Horizont vor, der sich nähert und schließlich eins wird mit dem Boden:

Wenn er ankommt, wird ein Punkt erscheinen am Himmel und größer werden und ein Flugzeug sein und er wird herankommen und auf der Wiese wird herauskommen ein Mann. Wir werden ihn erkennen, wir werden ihn erkennen nach dem Bild in der Zeitung, das vor ihm herüberkam.

(Für diesmal also ein Happy End.)

(Achja?)

_________________________
* Gilt lediglich für den Abend des 6. März 2015 und allein in diesem Aspekt. Vgl. auch: Stanley Kubrick: Spartacus (1960) und, davon abgeleitet, Kubrick: Lolita (1962), sowie: Monty Python’s Life of Brian (1979).



Schule des Staunens 8.5 13.3.2015, 12:00

(Nachgestellte Gedanken)

Es taucht die Frage auf, wie so originelle und humorbegabte Komponisten wie Kurt Weill (Ich sage nur Dreigroschenoper – Siehst du den Mond über Soho?) oder Paul Hindemith überhaupt in die Lage kommen mussten, so, nunja, witzlos, bierernst und völlig ironiefrei zu agieren. Erwähnt sei etwa Hindemiths Travestie von Richard Wagners „Ouvertüre zum ‚Fliegenden Holländer‘, wie sie eine schlechte Kurkapelle morgens um 7 am Brunnen vom Blatt spielt“, es ist ein Stück für Streichquartett (entstanden 1925), und wahrlich ein gelungenes Musterbeispiel der doch recht problematischen Disziplin Humor in der Musik. Kierkegaard bemerkt zum Humor, recht treffend, dass dieser immer durch Pathos gegengewichtet sein muss, und das gilt natürlich umgekehrt auch, Pathos ohne Abfederung im Humor ist etwas Hölzernes, aus Sperrholz, nachgerade (sage ich, Blechbläser). Hindemith übrigens hat sich selber immer gerne einen Musikanten genannt (berichtet uns Carl Zuckmayer in seiner Autobiographie), und das ist doch ein sympathischer Zug in unserer nicht ganz vor Dünkeln gefeiten Zunft.

Ich frage mich auch, ob die Kunst der Zeit der Weimarer Republik überall so eckig, ungeschlacht und so derart nicht zum Warmwerden sein musste, stelle die Frage in den Raum, man belehre mich. Wie schaut es mit dem Bauhaus aus? War dieser Zeit ein derartig übermächtigs Vorauswissen der herannahmenden und bald hereinbrechenden Katastrophe eingeschrieben? Als gäbe es rein gar nichts zu lachen beim Tanzen am vulkanischen Abgrund. Alles Anthrazit.



Schule des Staunens 8.4 11.3.2015, 12:00

Bert Brecht war ein Technikbegeisterter der ersten Stunde und wusste das auch für seine Interessen anzuwenden. Mit seinem Werbegedicht „Singende Steyrwagen“ hatte er sich 1927 gar den luxuriösen Sechszylinder Steyr Typ XII erdichtet und hielt in der Folge kapitalismuskritische Bissigkeiten („Fordschritt“) etwas im Zaum – wohl, um sich keine Nachteile im Feilschen um weitere gesponserte Autos einzuhandeln:

Wir liegen in der Kurve wie Klebestreifen
Unser Motor ist:
Ein denkendes Erz.

(Unwillkürlich fällt einem bei derartigen Zeilen Marinettis gewalt- und kriegsverherrlichendes futuristisches Manifest von 1909 ein.) Für Brecht gewinnt die Fahrt in so einem technischen Wunderwerk symbolische Qualität: Da sind wir ganz nah auch beim Lindberghflug. Die mythologisierende Personalisierung von Flugzeug, Motor (auch des Nebels, Schnees, der Stadt New York, …) erscheinen mir allzu holzschnittartig-bedrückend und schnüren mir den Hals ein. In eine seltsam alttestamentarisch-prophetische Sphäre gar taucht er die Spekulationen der französischen Zeitungen über diesen Flieger, der da kommt:

Auf unsern Kontinent zu, seit mehr als vierundzwanzig Stunden, fliegt ein Mann. Wenn er ankommt, wird ein Punkt erscheinen am Himmel und größer werden und ein Flugzeug sein und er wird herankommen und auf der Wiese wird herauskommen ein Mann. Wir werden ihn erkennen, wir werden ihn erkennen nach dem Bild in der Zeitung, das vor ihm herüberkam. Aber wir fürchten, er kommt nicht. Die Stürme werden ihn ins Meer werfen, sein Motor wird nicht durchhalten, er selber wird den Weg zu uns nicht finden. Also darum glauben wir: wir werden ihn nicht sehen.

Die Furcht, er komme nicht, verweist vielleicht auch auf Brechts eigene Unfallerfahrungen. Nämlich bereits am 20. Mai 1929 weicht er einem auf seiner Spur entgegenkommenden, einen LKW überholenden Rowdy geistesgegenwärtig aus, indem er in den Straßengraben lenkt und den Wagen an einem Baum zum Stehen bringt – nur „unbedeutende Verletzungen“, verfasst in der Folge möglicherweise selber (unter dem Namen A. Stöcker) einen kuriosen Unfallbericht*, der in ein Lob des Steyr-Wagens mündet – und bekommt tatsächlich einen neuen!

http://www.bonn-space.de/schrott/gifs/brecht8.jpg

Einem anderen Großen, Italo Svevo (eig.: Ettore Schmitz), kostet ein ähnlicher Unfall (regennasse Fahrbahn, Baum, …) im September 1928 das Leben. Seine Witwe Livia Veneziani Schmitz erinnert sich, er sei nach dem Autounfall an dem Schock, den sein Herz nicht ertrug, gestorben. Der sterbende Svevo, als man ihm am Tage nach dem Unfall das Rauchen verwehrte: „Das wäre wirklich die letzte Zigarette.“

_________________________
* Ein lehrreicher Autounfall, in: Uhu. Das Monatsmagazin. Berlin, 1929 (S. 62-65).



Schule des Staunens 8.3 9.3.2015, 12:00

Zurück zum Werk. Nach der Baden-Badener Erstfassung vom 27. Juli 1929, einem seltsamen Gemeinschaftsprojekt mit Paul Hindemith, wurde bereits am 5. Dezember 1929 die revidierte Fassung des Lindberghflugs (mit ausschließlich Musik von Kurt Weill) uraufgeführt und in der Folge publiziert – wodurch aus der Radiomusik eine Art weltliches Oratorium wurde. Schließlich hat Bert Brecht 1950 (knapp vor Weills Tod, von diesem aber nicht mehr sanktioniert) den Text dahingegen geändert, als er Lindberghs Namen völlig eliminiert, bis zur Titeländerung in Der Ozeanflug. Und er verfasst eine Vorrede:

An die Veranstalter und Hörer des Lindberghflugs: Hier hört ihr den Bericht über den ersten Ozeanflug im Mai 1927. Ein junger Mensch vollführte ihn. Er triumphierte über Sturm, Eis und gefräßige Wasser. Dennoch sei sein Name ausgemerzt. Denn, der sich zurecht fand über weglosen Wassern, verlor sich im Sumpf unserer Städte. Sturm und Eis besiegten ihn nicht, aber der Mitmensch besiegte ihn: Ein Jahrzehnt Ruhm und Reichtum, und der Unselige zeigte den Hitler-Schlächtern das Fliegen mit tödlichen Bomben. Darum sei sein Name ausgemerzt. Ihr aber, seid gewarnt: Nicht Mut, noch Kenntnis von Motoren und Seekarten tragen den Asozialen ins Heldenlied.



Schule des Staunens 8.2 7.3.2015, 12:00

Ich eröffne mit Lichtenberg vs. Lindbergh:

„Die Welt muss noch nicht sehr alt sein, weil die Menschen noch nicht fliegen können.“
Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher [D 404] (ca. 1773/75)

Wir alle sind hier (also im Großen Saal) wegen eines Irrtums: Die original intendierte Hörsituation wäre ja jene daheim vor dem Radioapparat. In seinem Film Radio Days (1987) hat Woody Allen ein eindrückliches Stimmungsbild gegeben, wie sich in jener Zeit die Menschen bei wichtigen Ereignissen vor den Radiogeräten versammelt haben, er bringt natürlich auch die legendäre Ausstrahlung von War of the Worlds vom 30. Oktober 1938, dem Vorabend von Halloween. Allen bildet aber nicht die oft erzählte Massenpanik (die ja eher Legende denn historische Tatsache ist) ab, nein, bei ihm verhaut die inszenierte Live-Übertragung der fiktiven Marsianerattacke der unverheirateten Tante ein erotisches Techtelmechtel im Auto.

Charles Lindbergh seinerseits war um diese Zeit schon längst ein gestürzter Engel. Über Hitler sagt er: „Er ist zweifelsohne ein großer Mann und hat, wie ich glaube, viel für das deutsche Volk getan.“ Im Oktober 1938 nimmt er bei einem Empfang in der amerikanischen Botschaft in Berlin den Deutschen Adlerorden aus den Händen von Generalfeldmarschall Hermann Göring entgegen. Nach dem Überfall Deutschlands auf Polen schreibt er in sein Tagebuch: „Wir müssen uns schützen gegen den Angriff fremder Heere und gegen die Auflösung durch fremde Rassen (…) und gegen das Eindringen minderwertigen Blutes.“ Die Beherrschung der Luftfahrtstechnologie betrachtet er als „eines jener unschätzbaren Besitztümer, die der weißen Rasse angesichts einer anschwellenden See aus Gelb, Schwarz und Braun überhaupt das Leben ermöglichen.“ Er spricht bei Massenversammlungen des isolationistischen und offen antisemitischen, rassistischen America First Committe (AFC). Für Innenminister Harold Ickes ist Charles Lindbergh der „amerikanische Nazisympathisant Nummer eins“. Ich nenne ihn einen Moralikarus. 

In Plot against Amerika hat Philip Roth eine düstere Retrovision erstellt, indem er aus der Perspektive des kleinen jüdischen Buben Philip Roth aus Newark, N.J., erzählt, wie es damals war, als Lindbergh, bis knapp vor den Angriff der Japaner auf Pearl Harbour (7. Dezember 1941), Präsident der Vereinigten Staaten war – und dann spurlos verschwand. Mitsamt seinem Flugzeug, versteht sich. 



Schule des Staunens 8.1 3.3.2015, 12:00

Freitag, 6. März 2015, ca. 20.15
Wiener Konzerthaus (A)
, Wotruba-Salon
Schule des Staunens
Lindbergh, Moralikarus

Schon ein merkwürdiges Genre, diese uns heute recht bildungshaft-betulich klingende Radiomusik. Was für eine wertvolle, seltene Gelegenheit, so etwas einmal im Konzert erleben zu dürfen! Wobei, eigentlich sollten wir uns das ja zuhause vor den Empfangsgeräten anhören, uns, wie sich das für eine Schuloper gehört, mit dem sich recht holzschnittartig präsentierenden Ich-Erzähler identifizieren, ein Rollenspiel, wie die Kinder. Und dann ist dieser Lindbergh so gefallen, ein regelrechter Moralikarus, dass ihn Brecht schlussendlich 1950 aus dem Werk eliminiert, „ausgemerzt“ hat…

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/c/cb/Bourget-statue.jpg

Dem Fliegen und dem Fallen will ich mich also widmen, natürlich – sonst kann es kein Fallen geben – abschweifen, vom Kurs abkommen, zu Woody Allens „Radio Days“, Orson Welles inszenierter Massenverunsicherung bei der Ausstrahlung seiner Bearbeitung von H.G. Wells‘ „War of the Worlds“; und auf die düstere Retrovision von Philip Roth verweisen, der aus eigenem Erleben aus jener Zeit berichtet, in der Charles Lindbergh amerikanischer Präsident war. Und vielleicht dann noch mit Kafka in die südlichen Länder: „Längst schon verlangt es mich dorthin zu reisen und nur mangels Storchflügel habe ich es bisher unterlassen.“

______________________________

Das Konzert auf das ich mich (derart und ganz anders) mit meinem Muthorn samt Stimme erzählend implizit/explizit beziehen werde, beginnt um 19.30 im Großen Saal.

Interpreten
ORF-Radio-Symphonierorchester Wien, Orchester
Rebeca Olvera, Sopran
Tara Venditti, Mezzosopran
Herbert Lippert, Tenor
Rainer Trost, Tenor
Sebastian Noack, Bariton
Nathan Berg, Bassbariton

Armin Wolf, Sprecher
Wiener Singakademie, Chor
Ernst Theis, Dirigent

Werke
„Radiomusiken“ von Kurt Weill

The Ballad of Magna Carta / Cantata (1940)
Down in the Valley / Folk-opera in einem Akt (1948)    

***
Der Lindberghflug / Der Ozeanflug
Radiolehrstück mit Texten von Bertolt Brecht (1929)



Schule des Staunens 7.3 2.3.2015, 12:00

Wer Musik macht, muss imaginieren. Wir sind doch Luftbaumeister, indem wir eben die Luft zum Schwingen bringen (und möglichst dann auch die Herzen, wie es so schön heißt). Dafür aber benötigen wir den Willen zur Resonanz. Und den darf ich nicht penetrieren.

Ein Parsifal-Vorspiel etwa, das nicht imaginieren will, was da alles noch passiert, welcher innerliche und äußerliche Prozess den involvierten Personen noch bevorsteht, sondern das lediglich abgespielt wird, als wärs ein Konzertstück, muss deplaà§iert wirken, als ziemlich redundante Abfolge von zwei, drei holzschnittartig verzahnten Motiven – und dafür aber wäre es mehrfach zu lange und so es ist ein Missverständnis, es auf einen Konzertspielplan zu setzen: Man verfertige besser stattdessen ein Potpurri der beliebtesten Melodien (einen Director’s Digest, gewissermaßen), in dem dann auch nicht der recht effektvolle zweite Akt fehlen muss, und schreite, instantly, binnen zwölf, fünfzehn Minuten zur Erlösung dem Erlöser.

Das wäre ehrlicher gewesen. Tut mir leid.

(Die Symphoniker aber können nichts dafür; zumindest nicht im Konzert selber.)



Schule des Staunens 7.2 1.3.2015, 12:00

Staunen, wenn man dann das Bezugskonzert besucht hat, lässt einen manchmal auch, wie ein Orchester in der Lage ist, zusammen zu spielen, obwohl ihnen jemand vorsteht, der einen Dirigenten lediglich darstellt, indes aber keiner ist. Ich ziehe meinen Hut vor den Wiener Symphonikern. Natürlich kann es so nicht wirklich zur Interpretation eines Werkes kommen. Das Verhindern des Auseinanderfallens eines so komplexen Gebildes, wie es nun einmal ein Orchester bzw. ein Orchesterwerk ist, kann man aber auch schon als respektable Leistung bezeichnen. Respekt auch dem Konzertmeister Florian Zwiauer, wie er seine Aufgabe umsichtig – und aber ohne irgendjemanden zu desavouieren – wahrgenommen hat. So konnten alle das Gesicht wahren. Der irregeleitet-irreleitende Dirigentedarsteller konnte ja seines nicht verlieren; zumindest dem Publikum gegenüber nicht, dem er ja, und das ist kein Vorwurf, den Rücken kehrte.



Schule des Staunens 6.9 24.2.2015, 12:00

In einem Theater geschah es, dass die Kulissen Feuer fingen. Hanswurst erschien, um das Publikum davon zu unterrichten. Man glaubte, es sei ein Witz, und applaudierte; er wiederholte es; man jubelte noch mehr. So, denke ich, wird die Welt zugrunde gehn unter dem allgemeinen Jubel witziger Köpfe, die da glauben, es sei ein „Witz“.

Sören Kierkegaard, in: Entweder – Oder (aus dem Dänischen von Heinrich Fauteck); entnommen dem äußerst empfehlenswerten (weil in der Tat vergnüglichen) Bändchen „Kierkegaard zum Vergnügen“, Reclam, Stuttgart, 2013. (S. 26)



Schule des Staunens 6.8 23.2.2015, 12:00

Etwas Wunderbares ist mir widerfahren. Ich ward entrückt in den siebenten Himmel. Dort saßen alle Götter versammelt. Aus besonderer Gnade wurde mir die Gunst gewährt, einen Wunsch zu tun. „Willst du“, sprach Merkur, „willst du Jugend oder Schönheit oder Macht oder ein langes Leben oder das schönste Mädchen oder eine andere Herrlichkeit von den vielen, die wir in der Kramkiste haben, so wähle, jedoch nur eines.“ Ich war einen Augenblick unschlüssig, dann wandte ich mich mit folgenden Worten an die Götter: Hochverehrte Zeitgenossen, eines wähle ich, dass ich immer die Lacher auf meiner Seite haben möge. Da war auch nicht ein Gott, der ein Wort erwiderte, hingegen fingen sie alle an zu lachen. Daraus schloss ich, dass meine Bitte erfüllt sei, und fand, dass die Götter verstanden, sich mit Geschmack auszudrücken; denn es wäre ja doch unpassend gewesen, ernsthaft zu antworten: Es sei dir gewährt.

Sören Kierkegaard: ad se ipsum, in: Entweder – Oder (aus dem Dänischen von Heinrich Fauteck); entnommen dem äußerst empfehlenswerten (weil in der Tat vergnüglichen) Bändchen „Kierkegaard zum Vergnügen“, Reclam, Stuttgart, 2013. (S. 25)



empirischer befund /2 19.2.2015, 10:15

ich schrieb: „hören sie ives‘ vierte symphonie, den 2. satz. das erklärt etliches.“
hier setze ich fort, nämlich: es wird im übrigen ives gerne kauzigkeit attestiert (valentin: dem sowieso). jedoch: nehmen sie sich vor kauzigkeitsattestierern in acht. allzuleicht ist es, aufs erste verstörend-schrullig erscheinendes mit dem verdikt der kauzigkeit abzutun und so zu verhindern, es näher an sich (und die eigene, pardon, kauzigkeit) heranzulassen. was für genüsse und, großes wort: erkenntnisgewinne einem doch beständig durch die – selber immer unkauzigen – krallen, pardon: finger rieseln!
ich will mir das nicht entgehen lassen, passiv nicht und aktiv erst recht nicht, elabà¦Ä!



Schule des Staunens 7.1 18.2.2015, 12:00

Donnerstag, 26. Februar 2015, 18.30
Freitag, 27. Februar 2015, 18.30
Wiener Konzerthaus (A)
, Schönberg-Saal
Schule des Staunens
Dialog über die Tumbheit (und den Toren)
Gäste: Atanas Dinovski und Paul Schuberth, Akkordeon

http://www.muetter.at/cms/fileadmin/user_upload/pix500px/duedt.jpg

Jawohl, es geht um die Torheit. Warm und rein. Ist ja aufgelegt, wenn das Parsifal-Vorspiel kommt, und, als beschließende Klammer und gewissermaßen nachgereichte Vorbedingung, die Reformationssymphonie, in der Mendelssohn mit dem gleichen Klang-Logo hantiert wie später Wagner. Aufgelegt ist auch, dass ich bei dieser Gelegenheit Atanas Dinovski und Paul Schuberth einladen will, mein Stück DÜDT [tilt] für Akkordeonduo zu spielen. Es sei Folie für allerlei Anstellungen über die Torheit, und ich werde wohl moderierend eingreifen, wir werden Einblicke geben in die Werkstatt des Schreibens und Erarbeitens, um hernach ein jeder, als fröhlicher Tor, so klug als wie zuvor sein zu dürfen, wollen wir offen hoffen.

______________________________

Die beiden Konzerte (Donnerstag/Freitag) auf die wir uns (derart und ganz anders) mit zwei Akkordeons, sowie der unvermeidlichen Posaune samt Stimme erzählend implizit/explizit beziehen, beginnen jeweils um 19.30 im Großen Saal.

Interpreten
Wiener Symphoniker, Orchester
James Ehnes, Violine
Mark Elder, Dirigent

Werke
Richard Wagner: Vorspiel zu „Parsifal“
Benjamin Britten: Konzert für Violine und Orchester d-moll op. 15    

***
Felix Mendelssohn Bartholdy:
Symphonie Nr. 5 D-Dur op. 107 „Zur Feier der Kirchen-Reformation“



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