schlechterdings 18.10.2021, 0:00

Hillary Clinton glaubt nicht an echte Gleichberechtigung zu Lebzeiten
derstandard.at

Es handelt sich hier allerdings indertat um keine Glaubensfrage: Der Tod macht uns alle gleich.

Und manche gleicher.

Aber dann.



Jungspund’ (Pluralwort) 5.10.2021, 0:00

Im Pensionistenverein gibt es ein Tabu, das aufs heftigste gepflogen wird: Das Altsein. In panischer Agilität werden Veranstaltungen durchgeführt, in deren Mittelpunkt, wogegen es nichts zu sagen gibt, die Geselligkeit steht: Stelzenessen, Wandertag mit Jause, Betriebsbesichtigung mit Verkostung und Jause, Ganslessen mit Schnapsl. Auf den Seniorenteller wird sowas von gepfiffen. Es gilt, vom Damals zu schwadronieren und die Behauptung aufrecht zu erhalten, seit eh und je und insbesondere jetzt in der Pension, wo wir endlich Zeit haben, der Welt einen Haxen auszureißen: Was sind wir doch für Kerle! 

Alle paar Jahre übernehmen die Jungen das Kommando, wenn die zuvor Jungen plötzlich doch nicht mehr ganz so junggeblieben sind, wenn sie halt zu alt für die Pensionisten geworden sind. Das gibt’s nämlich. Weil die, die zu alt für uns sind, auf die wir Rücksicht nehmen müssten, die gar krank sind und nicht mehr ihren Herzzucker beiseitedrücken wollen oder können, deren statistisch relevante und also merkbare Dementierung voranschreitet und die nicht nur angesoffener inkontinent sind, die wollen wir bitte nicht bei uns, und eine Stelze geht noch. Ja damals.

Pensionisten (organisierte) werden nicht alt. 

Nun sind die Eltern seit gut fünf Jahren also Postpensionisten, und von denen ist keiner noch zurückgekehrt. Was sollen die eigentlich tun (außer sich auf den Partezettelaushang schleichen)? Abwarten.



gefallen 24.9.2021, 0:00

The Köln Concert (das ganze!) im Radio. Keith Jarrett kopuliert mit einem dafür nicht ganz geeigneten Klavier. Ein Meilenstein, sagen sie. Am 40. Geburtstag meines Vaters, wenn auch ganz sicher nicht aus diesem Anlass. In keiner WG einer in Studienzeiten ersehnten Geliebten fehlte diese LP. Vor lauter Patschulinebel hat keiner hingehört, weil klar war, dass The Köln Concert einem gefallen musste, wollte man als junger intellektueller Mensch ernstgenommen werden und dazugehören. Ach hätte ich damals doch so gespielt wie Herr Jarrett! (Oder lag es ausschließlich am Patschulinebel, dass nie was draus wurde?)

Hat denn wirklich keiner zugehört? Bitte, das ist doch Konstantin Wecker, nur ohne Gesang!

(Immerhin.)



Ineinsfallen 18.9.2021, 0:00

75 Jahre Südtiroler Autonomie 
orfon, 5.9.2021

Freddy Mercury wäre 75
orfon, 5.9.2021

Unvorstellbar, 75. Dass wir das erleben durften.  

Künstlerische Autonomie ist ein hohes, höchstes! Gut. 

Bekenntnis: Ich mag das unauthentische Gepose von Herbert Pixner überhaupt nicht, bin ihm seine – sicherlich verdiente – Popularität aber ganz sicher nicht neidig.

F.M.? Um Äonen elevierte Kategorie, an die allerhöchstens Austrofred noch, sich respektvollst-bescheiden reckend, heranzureichen in der Lage ist.



flux 11.9.2021, 0:00

Flugsaurierskelett bei Razzia in Brasilien entdeckt
orfon

ich was not yet
in brasilien
nach brasilien
wulld ich laik du go
Ernst Jandl, calypso

Die sind aber geschwind! Vermutlich die archäologische Schnelleinsatztruppe. Klopft, nach einem entsprechenden Hinweis wohl, an im Souterrain, und zack! nehmen sie das Zeug flugs hopp!

Der Traum vom Fliegen ist älter als das Menschengeschlecht.

Wie lange dauert eigentlich so eine Versteinerung, heutzutage, in Brasilien?

Razzia heißt auf italienisch Blitz. 



48er-Frage 10.9.2021, 0:00

Mülltrennung in Österreich Altersfrage
orfon

Ach!? War es nicht seit jeher so, dass man die alten Sachen (die neuen Sachen, wenn sie alt geworden waren) von den neuen Sachen getrennt hat und in der Folge – aus den Augen, aus dem Sinn – entsorgt, sich ihrer entledigt hat. 

Jedoch gibt es heutzutage zunehmend sog. Messies, die nichts wegzuwerfen vermögen, beim besten Willen nicht. Dies spräche nun gegen die Überschriftsbehauptung, an der wir jedoch keinesfalls zweifeln wollen. 

Jetzt, wie!?

An sich wäre die Antwort aller Antworten ja die 42.



ugsisch? 4.9.2021, 0:00

ugs.
praktische Abkürzung für einen Zusatzhinweis, Kreuzworträtsel (Kronenzeitung)

Wie ich angefangen habe, jene Kreuzworträtsel, die Papa übriggelassen hatte, in der bei uns stets abonnierten Kronenzeitung zu lösen zu versuchen, war es wichtig, einige Fachbegriffe zu verinnerlichen. Init. bedeutete Initialen, was fürs erste auch nicht recht weiterhalf, bis ich das mit den Anfangsbuchstaben des Namens einer prominenten Persönlichkeit gleichzusetzen lernte: Bei Init. v. Göring etwa musste man HG schreiben – und fühlte sich bereits ein kleinwenig gebildet. GG war nicht Gustav Gans, sondern Init. ein. dt. Schauspielers (Mephisto). Das war schon richtig schwer, aber man konnte ja die Zeitung auf den Kopf stellen und blitzschnell, dass man es nicht einmal selbst bemerkte, hinten im Anzeigenteil nachlesen. Fränk. war fränkisch, und der Hausflur hieß Ern. Wir hatten nur ein kleines Vorzimmer, groß genug für einen Erwachsenen und ein Kind (im Sommer, ohne Mantel bzw. Anorak und Schal).

Als ich fragte, was die Abk. ugs. bedeute, gab man mir die einleuchtende Antwort »ungestüm«: Ein Narr, ugs. war ein Trottel. Sowas sagt man nicht, und wenn, dann nur daheim: Der subalterne Mann der lärmenden Nachbarin unter uns (die Kleschn) war der Trottel. Wir mussten ihn aber mit Sgottheahaider begrüßen (fast einsilbig ging das!), und er war, wenn auch grundlegend verschreckt (die Kleschn!), zu uns immer freundlich.

Das Wort Anorak stammt aus der Sprache der westgrönländischen Inuit, die Endung -rak verrät’s. Damals waren das alles noch Eskimos. Heute ist es dort so warm, dass es keiner gehobenen Vertreterkunst mehr bedarf, ihnen Kühlgeräte zu verkaufen.

Vor wenigen Wochen erst wurde ich aufgeklärt, dass ugs. umgangssprachlich bedeutet; mir ist das ein allzu eingedampftes Wortungetüm, und wer umgeht, drücke sich gewählt aus: Nur daheim darf man Trottel sagen.

Den Apostel der Grönländer hat es zu meiner Zeit noch nicht gegeben, und dass das Tier aus der Ferne (4 Buchst.) ein Exot ist, damit ist Papa erst vor eineinhalb Jahren herausgerückt; sowas weiß er immer noch. Immer noch. Egade, heiliger Mann.

Wo bitte gibt es heute noch Ugsen? Sie fehlen, sosehr. (Die ungestümen.)



Mehr Licht 30.8.2021, 0:00

Der Himmel ist am schwersten
alte Puzzleweisheit

Das Meer auch. 

Ohja, schweben, im Meer, schwerelos. 

Himmlisch.



erstenteils 21.8.2021, 0:00

siedendheiß ist eine alte Schreibweise von siedend heiß. Sie ist nach der reformierten Rechtschreibung von 1996 nicht mehr korrekt.
Wiktionary

Siedend heiß fällt’s mir ein: Heute wollt’ ich fröhlich sein!
poetische Kurzpointe

Grischka hat mir erzählt, dass sie sich lange nicht erklären hat können, was Joachim Ringelnatz (oder war’s Kästner? Oder wer?) mit »siebtenteils« gemeint haben mag, und worin denn dann die anderen – wohl noch gewichtigeren – sechs Teile bestünden.

Was haben wir gelacht.

Unser Leben ist eo ipso, d.h. erstenteils, fragmentarisch. 

Ist gut so.



O Natur 17.8.2021, 0:00

runzte ber
Ernst Jandl

Künstliche Intelligenz könnte Demenz erkennen
orfon

Wir sollten diesen vollwuchtigen Satz jetzt ganz langsam und gründlich durchkauen. Wer dann noch da ist, stelle sich.

Über allem aber schwebet der menschliche Geist: Die Welt ist unendlich weit gespannt.

Das Herz wird nicht dement.



immerhin 21.7.2021, 0:00

Papa redet immer unverständlicher. So stimmt das aber auch nicht: Es ist lediglich so, dass wir zunehmend weniger (abnehmend genauer) verstehen, was er meinen. Könnte. So er überhaupt die Ambition hat, etwas zu meinen. 

Lang schon geht es ums Abspulen von Vertrautem: Die neue, kontrastbewusste Armbanduhr mit ihren freundichen großen Ziffern ist lediglich zum Anschauen und Ablesen, erstaunlich genau gelingt ihm das. Aber ohne allen Konnex zu einer allfällig zu bewerkstelligenden Tageseinteilung, Lebensgestaltung gar. Um fünf wird der Fernseher eingeschaltet, um sieben kommen die Oberösterreichheutenachrichten, um halb acht wären die Nachrichten, Zeit im Bild, aber meist geht er da schon ins Bett, ein Wanken mehr, immer mehr ein Wanken, und dass er nicht längst schon final hingefallen ist, ist eigentlich schwer zu begreifen. Ob’s ein Glück ist?

Wenn er dann um elf, halbzwölf aufwacht, ist für Papa Tag. Mama begleitet ihn aufs Klo und hebt danach seine Beine zurück ins Bett, sonst blieben sie draußen. Besser wäre, sie blieben überhaupt am Klo. Weil gleich muss er ohnehin wieder hin.

Dann aber auf!

Mitternacht. Eins. Zwei. Halbdrei. Weiter so.



Panorama 8.7.2021, 0:00

Stock und Hut
steht ihm gut

ist gar frohgemut
Deutsche Volksweise

»I håb går ned gwussd, dass ma vo Klågnfuat in Daumberg siachd«, sagt Papa, wie ich ihn im Spital besuche. In der Früh war die zweite Hautoperation binnen eines Monats, nach dem Zellbefund musste man – erwartungsgemäß – tiefer hineinschneiden, damit auch wirklich alles heraußen ist: eine durchaus komplexe Aufgabenstellung für die Operateure, am Ohr, dicht bei wichtigen Gesichtsnerven und den Speichelgängen. Indes, alles scheint gut gegangen, Papa hat unter Lokalanästhesie wieder einmal brav stillgehalten. 

Seine Desorientierung aber ist bestürzend oder, wenn es einem jeweils gelingt, sich empathisch einzulassen ohne ihn für blöd zu verkaufen und somit zu verhöhnen, höchst spannend bis durchaus witzig. Und lachen, das funktioniert und macht auch ihn fröhlich. Was für ein Glück, dass er mit einem derart freundlichen Naturell gesegnet ist.

Ich erzähle ihm von unserer Wanderung letztes Wochenende, wie wir von Losenstein über die Laussa und den Schwarzberg zum Damberg gegangen sind, ganz schön ein Hatscher (ob es sich da um ein muslimisches Lehnwort handelt?). Papa meint, dass man vom Damberg (811 m) wohl einen schönen Blick nach Klagenfurt haben müsse, und es spricht ja nicht wirklich was dagegen, außer vielleicht der Triebener Tauern und, vorher schon, der Hohe Nock (1.963 m ü. d. adriat. Meere), aber den umfährt man ja mit dem Auto, auf dem Weg nach Càorle. Und Klagenfurt.

Der Blick aus dem Gangfenster, bei dem er heimgehbereit in Straßenkleidung an einem Tisch sitzt, geht übers Steyrer Spital (ähnlich den Kunstuniversitäten scheint es auch hier Mode zu sein, etwa alle drei Jahre den Namen – für diesmal aber endgültig! – zu ändern: gegenwärtig heißt es sich Pyhrn-Eisenwurzen Klinikum, wie einprägsam), südöstlich über die Stadt, im Hintergrund linkerhand Behamberg und der Blick ins Kleinramingtal, ganz rechts die St. Ulricher Kirche; im Zentrum der Damberg mit Laurenzikapelle und Warte. Ich deute zuerst auf den Damberg, ja, natürlich sei der da hinten; seinerzeit, der Vater, sei noch auf der alten Warte gewesen. Und die drei Hochhäuser habe es auch schon gegeben. In der mittleren Tiefe des Panoramas mit, wenn man genau schaut, dem Turm der Stadtpfarrkirche, natürlich sei das die Stadt, wie ich denn da fragen könne. Aber gleich im Vordergrund, im näheren Umkreis des Fensters, das sei aber schon und ohne jeden Zweifel: Klagenfurt. Wenn man ihn morgen wieder heimbringe (er verspricht, einsichtig, im Spital zu bleiben, vergisst das aber in weniger als einer Minute, mehrfach) hätten sie aber weit zu fahren, von Klagenfurt bis ins Münichholz. 

Zwischenzeitlich verlagert sich die Gebäudelandschaft im Vordergrund noch ins Burgenland, Graz, genau, Klagenfurt.

Die Leute von der Rettung werden die weite Strecke sooderso ganz sicher in allerhöchstens einer Viertelstunde schaffen, und Papa nickt voll Zuversicht, frohgemut.



Paparsifal 25.4.2021, 0:00

Ich begleite Papa zum Neurologen, ein – für mich – fixes halbjährliches Ritual. Papa fragt jedesmal, zu wem wir gehen und bekräftigt bei jeder Station (Hauseingang, in den Lift, im Lift, aus dem Lift, in die Praxis, beim Mantelausziehen, nach dem Inderordinationumschauen), dass er da aber ganz sicher noch nie war. Schließlich, wie er ihn einmal durch das Wartezimmer gehen sieht, entsinnt er sich irgendwie doch des Arztes. Oder er findet sich drein: Es hat sich als taugliche Strategie erwiesen, sich doch recht zu erinnern, denn dann wird er belobigt, und wer wird das nicht gern. 

(Muss das mühsam sein, im hohen Alter, für etwas auf die Schulter geklopft zu bekommen, was bis vor nicht so weit zurückliegender Zeit zu Recht keiner gesonderten Erwähnung bedurft hätte. Papa erträgt das alles mit einem gewissen stoischen Optimismus oder eben: Er findet sich drein: »Muas jo geh’.«)

Diesmal gehen wir vor dem Gespräch mit dem Doktor zur Assistentin. Sie macht den Vortest. Papa soll nur ein paar Fragen beantworten, nichts schlimmes, aber er ist ohnehin nicht argwöhnisch, hat sich sein offenes Wesen behalten. Nach einigen teilweise unerwartet präzise gegebenen Antworten (es waren aber auch abenteuerliche Weltkonstruktionen darunter) bittet ihn die Assistentin, einen Satz auf einen Zettel zu schreiben, irgendeinen, muss nicht lang sein. Papa muss gar nicht überlegen und fängt gleich zu schreiben an. Seine Handschrift ist schon arg deformiert, aber für mich ist es rasch klar mitzulesen, sodass ich der Assistentin, die mit vier, fünf Worten zufrieden gewesen wäre, bedeute, sie möge ihn fertig schreiben lassen, er ließe sich ohnehin nicht davon abbringen, sodass bald da steht: 

Da steh ich nun ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor.

Abbusseln hätt’ ich ihn mögen: Ende November kommen wir wieder!

(Kleine Erläuterung: Mein Vater verfügt über keinerlei sog. Höhere Bildung. Aber in den sechziger Jahren hat er, da er nebenbei als Filmvorführer gearbeitet hat, sehr oft den Faustfilm mit Gustav Gründgens und Will Quadflieg gezeigt und dabei vor allem auch gehört. Das ist ihm hängengeblieben, und bis heute braucht man ihm nur ein Hölzl zu werfen, und schon sagt er seine liebsten Sprüche, ja ganze Szenen fast auf, aus seinem ansonsten mittlerweile recht hermetisch verschlossenen Gedächtnis.)



Expedition (2) 11.9.2020, 0:00

Laufen, laufen, auslaufen, auslaufen lassen. Alles rauslaufen lassen. Und nach dem Laufen in den Fluss. Hinunterschwemmen, alles abschwimmen. Sich neu formieren, mit Gelassenheit imprägnieren. 

Da sind die Schwäne mit ihrem phänomenalen Bruterfolg: Alle fünf Jungen haben sie durchgebracht, sie sind schon mitten im Flugtraining. Flugmuskulatur kräftigen, anlaufen auf dem Wasser; noch heben sie nicht ganz ab. Aber unter den Flügeln sind sie bereits weiß. Sie müssen fliegen lernen, weil das tarnende Grau von ihnen weicht. Es geht alles seinen Gang, fliegt seinen Flug. Tut das wohl, den Schwänen zuzusehen! Die Welt besteht zugleich auch aus Aufbauendem, nicht nur aus Absterbendem oder mit Mühe seine Höhe Haltendem.

Werden Schwäne, wenn sie alt sind und das Fliegen beschwerlich wird, wieder grau, so wie die Menschen?



Expedition (1) 10.9.2020, 0:00

Aufsichtsservice am frühen Morgen, die Mama ist beim Zahnarzt heute die erste, wegen der Abdrucke für die dringend überfälligen Prothesen. 

Papas Anziehen zieht sich. Unterhose, linkes Bein, Unterhose, rechtes Bein. Kurz verweilen. Hinstellen zum Sockenanziehen, jeder einzelne Socken bedeutet mühsames Bücken, der rechte ist der zähere, aber zäh auch der linke. Rasten. Jetzt die Hose, die neue Kurze (die Obrochane). Hemd, rechter Ärmel, Hemd, linker Ärmel (der blöde).

Alles braucht seine Zeit. Und bekommt sie. Auch das Kaffeewasser im Wasserkocher wird zubereitet, als handle es sich um ein komplexes Laborexperiment. Ist es.

Alt sein ist eine große Expedition. Die größte, wen es selbst betrifft. 



Stammtisch 26.8.2020, 0:00

Auf seine alten Tag’ zeigt Papa nun völlig ungeahnt Potenzial zum Politiker, zum Demagogen gar.

Dass er sein Beiried nicht und nicht durchschneiden kann, könne eindeutig nur daran liegen, dass sein Messer bei weitem nicht so scharf schneide wie meines. In stupender Privatlogik begründet er, wie er es schließlich ohne Gesichtsverlust doch zulassen kann, dass ich ihm sein Fleisch am Teller in mundgerechte Stücke schneiden darf. Und weil es warm halt doch besser schmeckt.

Es schmacket ihm. 

Soviel ist sicher: Es gibt im Leben immer noch Überraschungen.



Au Backe 15.8.2020, 0:00

… am Hintern tamma beide … (gestikuliert mit der rechten Hand) … beide … (linke Hand) … Löcher … weh!

Oije, den Papa hat es wieder hingehaut.



Philichef 22.5.2020, 0:00

Der Rasierer, was für ein Wunderding. Papa hat immer einen Philishave gehabt, also musste auch der neue wieder einer sein, mit drei Rotorscherköpfen: der wankelmotorische unter den Rasiergeräten. Weil immer alles sehr sorgsam gepflegt werden muss, nimmt ihn Papa, bei beständig abnehmenden feinmotorischen Fertigkeiten, deutlich mehr auseinander (auseinanderer) als er sollte. Die Söhne dürfen sich dann spielen, und es ist wirklich eine Tüftelei, alle Teile wieder korrekt zusammenzusetzen. Ist dieses Werk schlussendlich – man kann nicht sagen, wie – doch noch gelungen, erzählt Papa (stets mit Neuigkeitswert), dass man sich mit dem Rasierer auch rasieren kann, ohne dass er an der Steckdose angesteckt sein muss, eben: ein Wunderding. – Man nennt sowas Batterie, erinnere ich ihn, woraufhin er nickt, aber er traut dem nicht recht, fragt nach dem Kabel, mit dem fühlt er sich wohler, weil da rasiert er besser. Es ist in der Lade, in der der Rasierer tagsüber ruht, die untere in der Mitte vom Allibert, und auch die verschiedenen Bürsten und Beserln sind da drin, vor allem aber, das wichtigste: der Pemsl, die kleinere Ausgabe jenes Pinsels, mit dem einen der Friseur am Ende der Behandlung wohlig weich die übrigen Härchen vom zugekreppten Kragen streichelt. Ich nehme das Kabel heraus, um es anzustecken, da wendet Papa ein, dass das wohl ein Kabel, aber eben nicht das richtige Kabel sei. Ich zeige ihm, dass es funktioniert, wenn man es vorne und hinten richtig zusammensteckt, außerdem stehe ja sowohl auf dem Rasierer als auch auf dem kleinen integrierten Trafoteil der Schriftzug Philishave drauf. – Ja schon, aber es sei doch das falsche Kabel, beharrt Papa. Das richtige habe nämlich in der Mitte so einen Hebel. Wir regen an, er solle doch im Nachtkästchen nachschauen, weil dort ist immer alles, aber es ist nicht und nicht aufzufinden, und warum auch. Schließlich gibt er sich, wenig überzeugt vom durch beruhigendes Pulsieren erkennbar korrekt ablaufenden Aufladevorgang, für ein Weilchen mit dem angebotenen Kabel zufrieden. Abermals kann er es nicht glauben, dass er sich rasieren kann, ohne dass ein Kabel angesteckt sein muss. Aber wo ist jetzt das richtige Kabel? Das hier kann es nämlich sicher nicht sein, es fehlt ja dieser Hebel. (…)

(Papa war Elektriker.)

[6.5.2020]



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